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Hochwasser 1983

Inundaciones Bilbao 1983 03 (Mr.FoxTalbot) Tags: flood inundacion scan bilbao 1983 floods deia inundaciones mrfoxtalbot enciclopediaplanetadelafotografia angelruizdeazua

Der folgende Text ist  der Familie Paleit, wo immer auch sie sein mag, gewidmet.

Ich weinte. Ich weinte unablässig. Tränen strömten aus meinen Augen als sie zwei platzende Wolken im Himmel waren. Ich war schon 15 Jahre Alt. War allerdings, als ich viel kleiner war, bereits in einer Gastfamilie im Ausland gewesen. Warum denn dann? Warum hatten meine Tränen ausgerechnet  die Familie Paleit in Osnabrück, die auf der Strasse Wilhelm- Mentrup Weg wohnte, nicht weit von einer britischen Kaserne, aus der früh jeden Morgen den Ton eines Dudelsacks zu hören war, als ihr Ziel gewählt? Was hatten die Paleits mir angetan? Woran waren sie schuld? Worauf könnte man die rücksichtslose Verzweiflung meines Heimwehs zurückführen?

Mir bleibt dieses unverschämte Heimweh, diese wehmütige Stimmung, diese trübe Sehnsucht nach meiner Heimat , die sich damals meiner ganzen Person bemächtigte, immer noch ein Rätsel, mit dem ich mich irgendwie auseindersetzen muss, als würde sie mir, wenn gelöst, das Schlüsselwort meiner Selbstauslegung zur Verfügung stellen. Täusche ich mich? Lege ich einfach zu viel Wert auf seine Lösung?

Schliesse ich nicht aus, dass dies alles nichts als eine blöde Zeitverschwendung sei. Aus Mangel an Vorstellungskraft immerhin , fällt mir bloβ keine andere Weise ein, meine Zeit zu verbringen.

Woraus war dieses Heimweh, diese peinliche Befindlichkeit, also zusammengesetzt? Welches Verhaltensmuster löste es in mir aus, damit ich es besänftigen konnte? Welche waren die Erscheinungen, die ich des öfteren beschwörte um so ein unerträgliches Heimweh zu befriedigen? Welche die Selbstzwänge, die ich mir seinetwegen auferlegen musste? Worauf griff ich wie ein Automat zu, um mich selbst zu trösten, nachdem  die wohlgesinnten Bemühungen der Familie Paleit von meinen Lärmen beharrlich ignoriert wurden?

Im Nachhinein, denke ich dass es Erscheinungen der Obrigkeit waren, die ich über mich die Oberhand zu nehmen liess und von denen ich  bald Abhängig war , bald Tröstung erwartete. Die sehnsüchtige Liebe  zu meiner Heimat, könnte man wohl sagen, war durch diesen zu allererst bedingt. Meine Liebe zu ihr , dieselbe Liebe die mir anhand dieser Figuren streng Gehorsam verordnete, verlangte von mir gleichzeitig  eine Art exklusive Hingabe ab, die mir durch eine Mauer von Tränen von meiner unmittelbaren Umgebung isolierte. So wurde sie mir von ganz Anfang an streng gestaltet, so hatte ich was mir überliefert wurde, aufgenommen. Diese Liebe war mir selbstverständlich ohne dass ich viel dagegen tun konnte, weil ich mich ihr kaum bewusst war.Ich konnte allenfalls die Risse spüren, die sie erbarmungslos in meiner Seele aufmachte.

Zum einen diente die Figur meines Vaters  und als Ergänzung zu ihr, die Wertskala , die rings um ihn herum weitverbreitet war, als Quelle und Flussbett gleichzeitig meiner unerschöplichen Tränen. Die durch diese Wertskala beigebrachte Weltanschauung fiel mehr oder weniger zusammen mit der, die in der Klatschpresse oder vom selben Schlage Fernsehprogrammen zu finden ist. In diesen wurden prominente Mitglieder des Adels oder der Geschäftswelt gezeigt, denen wir, so wurde mir in meiner Kindheit allen Ernstes wiederholt, nachahmen sollten, wenn wir uns irgendwelchen Erfolg in unserem Leben erhofften.In der Tat stellten diese Mitglieder jener Gesellschaftskreisen wiederum für meinen Vater  eine Art Vorbild dar, an das er sich sein Leben lang um jeden Preis anzupassen versuchte. Erfolglos, natürlich. Wie konnte man sich irgendeinen Erfolg dadurch versprechen, dass man seine ganze Person einer fremden Wertskala auslieferte?

Andererseits und im Gegensatz zu dieser so zu sagen fremden, künstlichen Wertskala, die an der Oberfläche stand, wurde meine Seele von einem anderen Strom von Gefühlen gleichsam unterirdisch durchdrungen. Es ging diesmal um Werte der Ehrlichkeit, der Unschuld, der Geborgenheit, heimische bzw. einheimische Gefühle der Authentizität, die ich mütterlicherseits gesäugt hatte und die man denen meines Vaters vielleicht entgegensetzen könnte. Diese unterschiedlichen Gefühlströmungen liessen sich mit zwei verschiedenen politischen Denkarten verbinden. Während der künstlichen, kalten, strengen, männlichen Werten väterlicherseits, eine sich mitte der Sechsziger des letzten Jahrhunderts geformten und von einem wirtschaftlichen Aufschwung angetriebenen spanischen Mittelsicht,die mehr oder weniger dem von dem Diktator Franco gefördeten Nationsbegriff unterwarf, entsprach, stellten die weicheren, zärtlicheren, weiblicheren, als ehrlichere empfundenen Werte mütterlicherseits eine Art Zuflucht da, innerhalb derer dieselbe Mittelsicht ihren Groll gegen den von dem Diktator Franco gefördeten Nationsbegriff nährte. Dieser Groll spiegelte sich in der Form einer kleinen, sich selbst als menschenfreunlich, schön ausmalende Gemeinschaft, für die die Basken stehen sollten, wider.

Ich habe eben gerade von Gegensätze gesprochen aber dieser Begriff kommt mir unzulänglich vor. Sowohl  Francos Begriff der spanischen Nation als auch die Nation der baskischen Nationalisten waren die Kehrseite einer und derselben Medaille, sie spiegelten eher sich wieder, waren miteinander verflechtet. So sehr ihre gegenseitige Beziehung durch Widersprüche auch geladen wurde, habe ich bloβ den Eindruck, dass, was mich zumindest angeht, die mütterlicherseits gepflegten Baskischen nationalen Gefühlsströmungen eine Art aus Zärtlichkeit bestehenden Klebstoff ausmachten, der dazu beitrug, die an der Oberfläche tretenden, um die Figur des Vaters herum ausgeformten Spanischen nationalen Gefühlen zusammenzuhalten.

So konnte man die Botschaften grob schildern, denen ich als Kind ausgesetzt war. Sie versuchten mir folgendes unablässig  einzureden: füge dich in den nationalen Vorbilder, die wir dir zur Verfügung stellen und du wirst glücklich sein. Aufgrund ihrer Verstrickung war diese zwar eine schwere Aufgabe, aber zu einem gewissen Zeitpunkt fing mein Gehorsam an, den Inhalt dieser Botschaften allen Ernstes zu erschliessen. Genau in jenem deutschen Sommer von 1983  war meine Seele schon reif genug, um eine gute Arbeit zu leisten, zu Ungunsten übrigens der armen Familie Paleit aus Osnabrück, die mich vergeblich zu trösten versuchte jedesmal wenn ich zu weinen anfing und die Liebe zu meiner Heimat in dermaβen untröstlichen Tränen ausbrach, dass sie mich in eine Stimmung der Machtlosigkeit rettungslos versetzte.

Eines Tages als ich und die Paleits uns den Tagesschau im Wohnzimmer beisammen anschauten, wurde von meiner Heimatstadt  berichtet. Aufnahmen von ihr wurden im Fernsehen übertragen, die sie als betroffen vom schlimmen Hochwasser zeigten. Vor diesen Fernsehbildern meiner Heimatstadt, die aus dem Fernsehapparat im Wohnzimmer der Paleits ausstrahlten, regte ich mich sofort auf. Ich nahm eine aufrechte Haltung in meinem Sessel ein und, wie bessesen von einer verzweifelten Hoffnung, begann ich stumm  meinen Zeigefinger auf das Bildschirm zu richten. Ich ahnte dass jene Überschwemmungen, jene rücksichtslose Wasserströmungen die meine Heimatstadt heimsuchten und die nun in eine deutschen Fernsehsendung übertragen wurden, irgendetwas mit meinen Tränen von damals  zu tun hatten aber wie zum Teufel  konnte ich, ein Fünfzehnjähriger, so etwas  den Paleits auf Deutsch übermitteln?

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