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Eine Leiche im Garten

Friedhof an der Elbe

Grabmäler an der Elbe

Ich erinnere mich sehr genau. Ich war zwanzig Jahre alt, hatte angefangen Recht an der Uni zu studieren, war bereit den Erwartungen meiner Eltern gewachsen zu sein, war in der Tat in diesen aufgewachsen, teilweise ein Produkt ihrer, führte demnach, was man als ein ganz normales Leben bezeichnen könnte.

Wenn ich mich nicht irre war es genau am einen Sonntag im Haus meiner Eltern. Wie jeder Sonntag besorgte ich mich im nebenan befindlichen Kiosk eine unbestimmte Zahl von Zeitungen und deren entsprechenden Sonntagsbeilagen, um mit ihren Schlagzeilen und wiederholten Klischees die Zeit des Sonntags einfach verstreichen zu lassen. Eine Routine wie sonst eine andere, eine schlichte Frage meiner sonntäglichen Faulheit von damals.

Es könnte wohl sogar sein, dass ich einen Kater hatte und mein Konzentrationsvermögen durch ihn beeinträchtigt wäre, denn ich und meine Freunde pflegten damals jeden Samstagsabend in derselben Kneipe- “Scuba- duba” war ihr Name, schwer ihn zu vergessen- Bier zu trinken und eine Unmenge Joints in einer Ecke zu rauchen. Noch eine Routine von damals, eine Routine somit, die nicht nur meine Sonntagen sondern auch meine Samstagen umfasste.

Ja,mmm,,, ich musste wahrscheinlich mich auf irgendeinem Sofá im Haus meiner Eltern lümmeln und die Seiten der lokalen Zeitung lustlos vorblättern, als ich in einem gewissen Moment auf eine schwarze gedruckten Überschrift stosste, die meine Aufmerksamkeit erregte. Es ging um einen Aufsatz, dem ein Preis von dem Vorstand der lokalen Zeitung , die ich zu lesen versuchte, verliehen wurde. Der Titel lautete: “Eine Leiche im Garten” Sein Autor, ein gewisser Jon Juaristi , von dem ich durchaus nichts wusste. Es war den 26 Februar 1989

Derzeit war ich von dem Inhalt dieses Aufsatzes vollkommen bestürzt, eine Bestürzung, die sogar imstande war, mich von dem Kater von jenem Sonntag loszulassen und meine betäubte Kopf sofort zu wecken . Der kleine Aufsatz beschrieb den sozialen Zusammenhang innerhalb dessen eine nationalistische Terrorgruppe geschaffen wurde, bzw. gediehen hatte. Seit Ihrer Gründung am 31 Juli 1959- Festtag zur Ehre des katolischen Heiligen Ignatius von Loyola- hatten die Terroristen dieser Gruppe , mit dem Einwand, die Unabhängigkeit einer nordlichen Region Spaniens, dass Baskenland heisst, zu erreichen mehr als 600 Unschuldige gemordet. Eben nach dem Tode des Diktators Franco und mit der Einführung der Demokratie in Spanien begannen sich die Anschläge dieser Gruppe zu vervielfachen und grausamer zu werden. Wie häufig geschieht, wurde ihr Einfluss desto grösser, je mehr Aufmerksamkeit, die Medien ihr schenkten und die spanischen Medien waren in diesem Sinne keine Ausnahme. Ein Überschuss an Protagonismus wurde jener Terrorgruppe zugewiesen, deren Untaten eine Art Faszination über das baskische Gebiet hinaus ausübten. Die ganze spanische Gesellschaft wurde tatsächlich von dieser nationalistischen Terror betroffen, bis zu dem Punkt, dass es einen Militärputsch am 23 Februar 1981 in Spanien stattfand, mit dem Einwand die alte Ordnung wieder herzustellen.

Ein nicht geringfügiges Teil meines Lebens hat sich innerhalb der Auswirkungen dieses nationalistischen Terrors abgespielt. Sie hat meine Erziehung als Heranwachsende eine Art historischen Rahmen gewährt und mein Lebensanschauung dermaβen eingeprägt, dass ich mich sowohl für die Gewaltfrage und ihre Wegen, Umwegen, Auswegen und Sackgassen ebenso wie für ihre soziale Wurzeln und Anknüpfungspunkte mit der Vergangenheit und geschichtlichen Entwicklungen vorrangig interessiere. Man konnte sogar mein Interesse kurzum mit den folgenden Wörtern des deutschen Schriftstellers Friedrich Christian Delius zusammenfassen als er, hinsichtlich seines Romans “Mein Jahr als Mörder”, in dem er sich mit der von ihm selbst genannten “Steinzeit der Demokratie” in Deutschland, das heisst, die erste Hälfte der Fünfzigerjahre” befasst, im Gespräch mit der Zeitung “Der Tagesspiegel” sagt: “Das Schrammen an der Gewaltfrage entlang, das interessierte mich”. Ja, ausgerechnet dieses Schramen an der Gewaltfrage ist was mich in erster Linie interessiert, eine Frage die darüber hinaus eine grenzüberschreitende Frage ist da jedwede Gruppe bzw. jedweder Mensch sich mit ihr in einer oder anderer Weise auseinandersetzen muss.

In der baskischen Gesellschaft, waren wir auβerdem nicht viele Leute. Wie irgendjemand in jener Zeit sagte “Wir kennen uns alle” und aus diesem Grund waren die Einwirkungen der Terroranschläge umso mehr tief und effektiver. Die durch sie ausgelöste Welle der Angst vermag sich in jeden Heim heimlich einzudringen, in jedem Bewusstsein liess sich die Angst “unterschwellig”-um wieder Delius zu erwähnen- verarbeiten. Dennoch würde sie nicht imstande gewesen sein, sich so effektiv in jedes Haus einzudringen, würde eine weichere, vernünftigere Version des Nationalismus eben in dem Moment wo sie von mehr Nutzen sein konnte, nicht jedem Bürger vorhanden gewesen sein. Diese weichere Version des Nationalismus ermöglichte es jedem , sich mit Gewissensprobleme was sein Verhalten gegenüber der Verwendung von Gewalt mit politischen Absichten betrifft, ohne weiteres abzufinden. Der einstiger verfügbarer Formel lautete: “Irgendetwas muss er falsch gemacht haben”, eine Floskel, die sich wiederholte, immer wenn man sich auf den jüngsten verübten Anschläge bezog. Den Opfern der Terroranschläge wurde in anderen Worten Komplizenschaft mit Francos Regime zusgeschrieben- jedesmal das man von einer neuen Untat erfuhr. Indem dieser Formel von der Mittelschicht allmählich mehr oder weniger übernommen wurde, kamm er dazu ,als etwas Anständiges zu gelten, eine Haltung, die man sich ohne viele Gedanken darüber zu machen einnehmen konnte.

Das Verdienst von der Schrift von Jon Juaristi bestand, so wurde es mir beim ersten Lesen auf Anhieb klar, darin, dass er diesem sich Abfinden, dieser vermeintlichen Anständigkeit zeitgeschichtliche Argumente gegenüberstellte. In Vergleich zu anderen Orten Spaniens wurde das Baskenland in der Zeit, in der der Diktator Franco regierte, eher gefördert als unterdrückt sodass in den Sechsziger Jahren des letzten Jahrhunderts, eben als die nationalistischen Terrorgruppe entstand, war das Baskenland eine der am wohlhabendsten und am privilegiertesten Regionen Spaniens. Die Gewalt fing daher in den Bezirken des Privilegs und nicht der Unterdrückung an. Es herrschte damals Ruhe in Baskenland, keinerlei Anzeichen der Opposition gegen den Diktator Franco. Zu einem bestimmten Zeitpunkt aber irgendjemand aus den Reihen dieser Wohlhabenden entschied sich- getrieben von einer gewissen nachtragenden Melancholie- sich selbst als Opfer zu betrachten, Opfer einer grausamen, ewigen, Verfolgung gegen den baskischen Volk, das den Inbegriff der ewigen Unschuld ab jetzt darstellen würde. Von diesem Moment an wurden die notwendigen Argumente geliefert damit man sich echte Opfer auszusuchen anfangen konnte. Daher meine Bestürzung von damals. In seinem Schreiben Juaristi stellte alles auf den Kopf was mir bisher überliefert wurde. Er mahnte jeder Baske, der davon gemahnt sein wollte, sich nach einer potentiellen Leiche in seinem Garten Ausschau zu halten.

Ich bin eine von denjenigen, die seit dem Lesen dieses Aufsatzes sich einen Spaten besorgt hat. Das einzige Problem, dass ich darin gefunden habe und mit dem ich, um ehrlich zu sein, im Voraus nicht gerechnet habe ist ,dass ich das Gefühl irgendwie jetzt hege, dass ich ein Bagger anstatt eines Spatens dringend benötigen werde, da potentielle Leichen neigen dazu, sich in fruchtbaren Gärten zu verzweigen.

Wie dem auch sein mag, ist Jon Juaristi neben ein spanischer Schritfsteller, der hervorragende Aufsätze schreibt, auch ein Gelehrter und Dichter. In seiner Jugend war er Mitglied der obenerwähnten nationalistischen Terrorgruppe, kennt durchaus wie wenig andere alles was mit der baskischen Kultur zu tun hat und hat sich seit einiger Zeit zum Judentum bekannt.. Selbstverständlich gilt er in den linken Milieus als ein Rechtsextremist. Zwei von seiner Gedichten habe ich versucht ins Deutsche zu übersetzen. Ihr gemeinsames Thema ist das Älterwerdens. Andererseits stelle ich zur Verfügung einen Link zu einem anderen Artikel den ich dieses Jahr ins Deutsche übersetzt habe, damit sich der Leser einen Überblick von dem gegenwärtigen Zustand der nationalistischen Frage in Spanien verschaffen kann.

No es como lo temías
Te asombra la dulzura del declive.
La paz del cuerpo,
La ausencia de rencor en la memoria.
Como un piso tranquilo y espacioso
O una digna mansión de renta antigua
Te acoge la vejez.
Libros, tardes de lluvia, conversación pausada
Entre amigos de siempre
Que nada nuevo tienen que decirse,
Y la oportuna pérdida
Del oído derecho.

Es ist nicht wie du es fürchteste
Über die Sanftheit des Niedergangs,
den Körperfriedens,
die Abwesenheit von Groll in deinem Gedächtnis
verwunderst du.
Wie eine ruhige , geräumige Wohnung
Oder ein dezentes Herrenhaus
Nimmt dich das Älterwerdens auf.
Bücher, regnerische Abenden, langsame Unterhaltungen
Mit langjährigen Freunden,
die sich nichts Neues zu sagen haben,
und eine zu dem richtigen Zeitpunkt auftretenden Minderung
des Hörenvermögens
deines rechten Ohrs.

Afasia
Con creciente frecuencia,
La maldita memoria se encasquilla
Y busco en vano nombres
Para rostros que surgen
De la marisma pétrea del sueño.
Esas sombras anónimas regresan al olvido,
No sin antes dejarme
Un rastro de ceniza en la mirada.
Así será mi muerte, lo presiento:
No encontraré partidas de bautismo,
Diplomas escolares,
Cartas que me demuestren que te importé algún día.
Cuando ni una palabra me convenga,
Vendrá y tendrá tus ojos
O los de otra cualquiera.

Aphasie
Häufiger als früher
hat das verdammte Gedächtnis
Ladehemmungen.
Und suche ich umsonst die Namen
der aus dem steinartigem Sumpf des Traums
stammenden Gesichter.
Zurück in die Vergessenheit kehren diese anonymen Schatten
nicht ohne früher Aschenspuren in meinem Blick gelassen zu haben.
So wird mein Tod geschehen. Ich ahne es:
Keine Geburtsurkunde,
keine Schulzeugnisse,
keine Briefe, die mich vergewissern, dass ich dir einst wichtig war,
werden auffindbar sein.
Es wird passieren wenn kein Wort mehr passt
Und er wird deine Augen haben
oder die einer Andere.

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